Wohlstifter unterwegs mit der Hamburger Tafel

"Mein Tag mit der Hamburger Tafel"

 

Kurz nach sieben Uhr, verdammt kühl heute morgen. Über die Laderampe des Lagerhauses fegt ein leichter Wind, der die Temperatur noch weiter drückt. Da verdrückt man sich lieber in die Halle, wo es bereits nach frischem Kaffee duftet.

Hamburger Tafel, das Zentrallager in der Barmbeker Straße. Mein erster Einsatz als Ehrenamtlicher. In wenigen Minuten werden wir zu 17 Supermärkten, Einzelhandels-geschäften, Bäckereien und Drogeriemärkten aufbrechen, um die Auswüchse der Überflussgesellschaft in eine gute Sache einzuspannen. Tonnenweise wandern jeden Tag einwandfreie Lebensmittel in den Müll, von denen bedürftige Menschen problemlos und ohne Geld leben könnten.

Das ist mein persönlicher Antrieb – diesem Irrsinn wenigstens ein bisschen entgegen zu wirken. Und damit bin ich wahrlich nicht allein. Allmählich wuselt es in der Lagerhalle in der Barmbeker, immer neue Helfer trudeln ein. die meisten kennen sich schon lange, das freundschaftliche Du ist hier der Normalfall. Nun aber los mit dem Lieferwagen und mit Jens, der in seinem Hauptberuf mit Versicherungen zu tun hat. In der ehrenamtlichen Mannschaft der Hamburger – wie bei allen anderen Tafeln bundesweit – finden sich auch ehemalige Manager, Selbständige, Kinderkrankenschwestern, Angestellte – kaum eine Berufsgruppe fehlt.

Die berufliche Qualifikation der Helfer hat aber mit ihrem beruflichen Hintergrund meist nichts zu tun. Der Wille zu helfen und dafür etwas freie Zeit zu investieren, das treibt die Männer und Frauen hier meist an – auch mich.

Auf dem Tourenplan stehen heute 17 verschiedene Stationen. Man hat mich vorgewarnt: die Tour zum Einsammeln der Lebensmittel sei schwieriger als die Verteilungstour, die am späten Vormittag startet. Im dichten Straßengewirr von Eimsbüttel, wo man mit einem Sprinter ungefähr so gut parken kann wie mit dem Traktor auf der frühmorgendlichen A7, kennt mein Fahrer Jens jeden Kanaldeckel, jede Einfahrt, jeden Lieferanteneingang. Fast überall werden wir freundlich begrüßt. Sehen die Mitarbeiter unsere roten Jacken der Hamburger Tafel, sind sie meist schon auf dem Weg ins Lager, wo unsere Ware zur Abholung bereitsteht. Was so einfach und mühelos aussieht, ist das Ergebnis einer ausgeklügelten Lieferlogistik, die in der Zentrale der Tafel jeden Tag abläuft. Ehrenamtliche sind sich selbst verpflichtet, keinem Arbeitsvertrag. Fällt also mal jemand aus, muss rasch Ersatz gefunden werden, damit die Kette nicht abreißt. Unsere Sammeltour verläuft heute leider nicht so erfolgreich wie sonst. Viele Supermärkte ordern und kalkulieren ihre Waren immer knapper. Das bedeutet weniger Überschüsse, und damit weniger Spenden für die Tafel – allerdings bei einer wachsenden Zahl bedürftiger Menschen. Damit die Schere nicht weiter auseinandergeht, sorgt der ebenfalls ehrenamtliche Geschäftsführer Christian – ein Ex-Manager – für neue Spender und Lebensmittelquellen.

Am späten Mittag haben wir die Ladefläche des Transporters dann doch einigermaßen voll. Die Fahrt geht zu einer sozialen Einrichtung in Hamburg, die die eingesammelten Waren nochmal sortiert und dann an Bedürftige abgibt. Als wir auf den Hof rollen, stehen dort schon ein paar leicht frierende Jungs und warten darauf, den Transporter leer zu räumen. Siebens Stunden nach dem Start sind wir wieder zurück in der Barmbeker Straße. Transporter sauber gefegt, Kisten ordentlich zusammengeklappt und gestapelt – alles bereit für morgen früh.

Ich spüre, dass ich die rote Wetterjacke der Tafel nur ungern ablege. Es ist ein ungewohnt schönes Gefühl, in der „Dienstkleidung“ der Tafel überall gern gesehen zu sein – bei Spendern wie bei Bedürftigen. Der nächste Einsatz ist schon terminiert. Ich gehöre ab sofort zur Hamburger „Tafelrunde“.

Geschrieben von Harald Prokosch

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